Logo des MIP

Dr. rer. nat., Dipl.-Psych. Ralf Vogt

Ambulante Niederlassung

Gemeinschaftspraxis Vogt

Leipziger Str. 36 A

04178 Leipzig

(im Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg, NW)

Hier gibt es auch eine zugehörige Lehrpraxis für AP und TP, welche durch Frau und Herrn Vogt geleitet wird.

Beruflicher Hintergrund

8-jährige klinische Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik in Leipzig. Dort Betreuung und Behandlung von Psychosen auf geschlossenen und offenen psychiatrischen Aufnahmestationen im Erwachsenenbereich. Danach seit 1992 Niederlassung als Psychologischer Psychotherapeut in Leipzig und stufenweise Entwicklung des analytisch-tiefenpsychologischen Behandlungskonzeptes „SPIM 30“ (Somatisch-Psychologisch-Interaktives-Modell in der Standardversion 30) für komplextraumatisierte/dissoziative Patienten mit interaktiven, körperorientierten Methoden. Zu diesem Therapiemodell gibt es momentan 10 Fachbücher (s. Literatur), viele Fachartikel und Lehrvideos (www.traumainstitutleipzig.de und www.traumapotenziale.de). Gelehrt wird das Verfahren für approbierte Psychotherapeuten (Titel: PsychotraumatherapeutIn SPIM 30) oder im kleineren Konzept für Soziale Berufe (Titel: PsychotraumafachberaterIn / PsychotraumapädagogIn SPIM 30).

Berufliche Abschlüsse

Berufliche Auszeichnungen

Sonstiges

Schwerpunkte im multimodalen Modell

Besondere Botschaft an junge Auszubildende

Literatur

Vogt, R. (2024). Transgenerationale Gewalt. Lehmanns Media (Verlag)
ISBN: 978-3-96543-473-8

Vogt, R. (2004). Beseelbare Therapieobjekte. Strukturelle Handlungsinszenierungen in einer körper- und traumaorientierten Psychotherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag.

ISBN: 978-389806-357-9

Vogt, R. (2007). Psychotrauma, State, Setting. Psychoanalytisch-handlungsaktives Modell zur Behandlung von Komplex-Traumatisierten u. a. Störungen (SPIM-20-KT). Gießen: Psychosozial-Verlag.

ISBN: 978-389806-582-5

Vogt, R. (Hrsg.,)(2008). Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie. Aktuelle Trends in körperorientierter Psychotraumatologie, Hirnforschung und Bewegungswissenschaften. Gießen: Psychosozial Verlag.

ISBN: 978-3-89806-791-1

Vogt, R. (Hrsg.)(2010). Ekel als Folge traumatischer Erfahrungen. Psychodynamische Grundlagen und Studien, psychotherapeutische Settings, Fallbeispiele Gießen: Psychosozial Verlag.

ISBN: 978-3-837-9-2074-1

Vogt, R. (Hrsg.)(2012). Täterintrojekte. Diagnostik und Behandlungsmodelle dissoziativer Strukturen. Kröning: Asanger Verlag.

ISBN: 978-3-89334-571-7

Vogt, R. (2013). SPIM 30. Behandlungsmodell für dissoziative Störungen. Kröning: Asanger Verlag.

ISBN: 3-89334-584-7

Vogt, R. (Hrsg.)(2014). Verleumdung und Verrat. Dissoziative Störungen bei schwer Traumatisierten als Folge von Vertrauensbrüchen. Kröning: Asanger Verlag.

ISBN: 978-3-89334-585-4

Vogt, R. (Hrsg.)(2016). Täterbindung. Gruppentherapie und Soziale Neurobiologie. Kröning: Asanger Verlag.

ISBN: 978-3-89334-599-1

Vogt, R. (Hrsg.) (2018). Das traumatisierte Gedächtnis – Schutz und Widerstand. Wie sich Traumatische Belastungen in Körper, Seele und Verhalten verschlüsseln und wieder auffinden lassen. Berlin: Lehmanns Media.

ISBN: 978-3-86541-964-4 – Printversion

ISBN: 978-3-86541-965-1 – eBook

Vogt, R. (2020). Scham und Schuld bei traumatisierten Menschen. Beschämen und Beschuldigen als Machtmittel zwischenmenschlicher Gewalt. Berlin: Lehmanns Media

ISBN: 978-3-96543-116-4 – Printversion

ISBN:978-3-96543-117-1 – eBook

Auszüge aus einem SPIM 30-Fallbericht des Herrn Q. (Vogt, 2013, S. 133-165)

Einführung

Herr Q. kam mit 39 Jahren zur Psychotherapie, nachdem er zuvor andernorts eine tiefenpsychologische Einzeltherapie über 50 Stunden durchlaufen hatte. Anlass für die Therapie waren unter anderem chronifizierte Paarkonflikte mit schweren Übertragungen. Beispielsweise hatte der Klient ein uneheliches Kind und stetig Streit mit der getrennt lebenden Frau wegen des Umgangsrechts. Die frühere Lebensgefährtin misstraute Herrn Q.’s Fürsorgetauglichkeit wegen seiner Affektentgleisungen und wollte seinen Einfluss abwenden. Mit der aktuellen Freundin gab es Streit wegen erdrückend und vereinnahmend erlebter Nähewünsche. Der Klient flüchtete sich dann in Alkohol oder unzuverlässige Beziehungsabsprachen, um Abstand zu schaffen. Wenn die Freundin sich daraufhin trennen wollte, bereute er sein Verhalten stets und alles begann von vorn. Im Rahmen von körperpsychotherapeutischen Wochenendseminaren in der freien esoterischen Therapieszene hatte sich der Patient mit dem Abreagieren seiner Wut sowie dem Ausleben seiner Sehnsüchte ausgiebig und ausagierend befasst. Da der kontrollorientierte Patient aber nie allen TherapeutInnen alles erzählte, rutschte er immer durch die Maschen der Behandlungsnetze und blieb nahezu unverändert auf seinem Symptomstand stehen. Jetzt kam er durch befreundete Ärzte motiviert zu mir, um eine traumaorientierte, integrative, analytische Psychotherapie auf Selbstzahlerbasis zu beginnen, weil er sich nicht über einen Kassenvertrag an mich binden wollte und von dem SPIM-20-KT Ansatz (Vorgänger des SPIM-30 Modell) Gutes gehört hatte.

Anfangssymptomatik

Im Vordergrund seines Leidensdruckes standen ständige Angstsymptome allgemeiner Art mit extremen Panikattacken. Während der Nacht hatte Herr Q. Albträume mit Vernichtungs- und Verfolgungsinhalt sowie Traumaflashbacks und Traumaintrusionen in Bezug auf Kindheitserlebnisse, besonders mit der Mutter, aus der Zeit zwischen der Geburt und dem 10. Lebensjahr. Außerdem litt er unter depressiven Selbstwertstörungen, Strukturschwächen auf der Arbeit und in seiner privaten Lebensgestaltung in Bezug auf Ordnung, Sauberkeit und Umgang mit Geld. Alkoholexzesse dienten auch hier zum psychischen Spannungsabbau.

Anamneseausschnitte

Der Vater von Herrn Q. war wahrscheinlich ein alkoholabhängiger Mann, der sich nicht wirklich um das Kind kümmerte, sondern viel vor seiner Frau in die Kneipe floh. Die Mutter war zeitlebens nur Hausfrau und hatte den Jungen zu ihrem Lebensinhalt machen wollen. Sie war dabei emotional sehr labil, cholerisch-jähzornig und wahrscheinlich dissoziativ brüchig.

Die erinnerbaren Gewalttaten gegenüber dem Sohn waren Schläge mit Kochlöffel, Handfeger und anderen Gegenständen ins Gesicht und auf den Körper bis zum exstatischen Zusammenbruch der Täterin. Es kam zu plötzlichen Überfällen aus dem Hinterhalt mit verbalem Vernichtungsgeschrei und martialischen Strafen mit Einsperren oder Vernachlässigen bis zum Kapitulieren des Kindes.

Der Klient hatte als Kind wenig Schulfreunde und er organisierte darüber hinaus zum Teil bösartige Streiche gegen seine Lehrer. Emotional hatte er außerdem Ängste bei Mädchen, die er deswegen vorsorglich mit Attacken vergraulte. Die Schule konnte Herr Q. mit Mühe in der 10. Klasse beenden und eine Lehre zum Metallfacharbeiter aufnehmen. Seine Alkoholprobleme führten nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung schnell zu sozialen Konflikten aller Art. Er verlor die Fahrerlaubnis, beging einen Suizidversuch mit Tabletten und schlug seine Freundin und seinen leiblichen Sohn unter Alkoholeinfluss, sodass diese ihn für immer verließen. Der Patient suchte in seiner emotionalen Orientierungslosigkeit esoterische Sekten auf und lebte dort in Camps.

Nachdem er später seine neue Freundin, eine Studentin, kennenlernte, kam er wegen der oben beschriebenen Paarkonflikte zur Psychotherapie. Das Paar trennte sich wegen nicht zu bewältigenden Hass-Liebe-Konflikten. Die Freundin lernte danach einen anderen Mann kennen, zeugte mit diesem ein Kind und wurde von diesem verlassen. Herr Q. und seine Exfreundin fanden im psychosozialen Elend mit ihren massiven inneren und äußeren Konflikten wie depressiv-suizidalen Verhalten, Mietrückständen, Gerichtsklagen schließlich wieder zusammen und beide begannen eine Psychotherapie. Mit dem ihm fremden Kind seiner Freundin kann Herr Q. anfangs kaum in Beziehung treten, weil er Gewaltimpulse spürt.

Diagnosen

Die klassische Diagnose konnte im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung beschrieben werden. Die psychotraumatologische Anfangsdiagnose bei mir lautet DDNOS mit borderlinigem, dissozialem äußeren Erscheinungsbild als Decksymptomatik.

Therapiesphase I: Vorrangig Psychoedukation und Stabilisierung

Vorbemerkung

Herr Q. durchlief im Behandlungsverlauf sukzessive die folgenden Phasen

1. Stabilisierung und Psychoedukation

2. Psychotraumaexposition und Durcharbeitung

3. Integration und Differenzierung

Die gesamte Therapie mit 170 Stunden wurde von ihm selbst finanziert.

Die nachfolgenden Handouts aus dem SPIM-Modell können sowohl in der Psychoedukationsphase als auch später nach Indikation eingesetzt werden. Diagnostische Handoutblätter werden zum analytischen Vergleich in bestimmten Zeitabschnitten wiederholt (vgl. Vogt 2004, 2007 und 2013).

Das Übertragungs-Introjekt-Schema als Tafelprotokoll

Therapiestand ca. 20. Stunde

Tabelle 1. Übertragungs-Introjekt-Tafel von Herrn Q. (Ausschnitt)

UrheberÜbertragungen von Herrn Q.Introjekte von Herrn Q.
MutterIch befürchte, von Frauen immer abgelehnt zu werden.Menschen sind unberechenbar, Vertrauen ist unmöglich.Andere Menschen schlecht machen.Gewalttätig sein, bis der andere gebrochen ist.Selbstgerecht Störungen kleinreden.
VaterIch befürchte, dass Männer mich im Stich lassen.Ich bin nicht liebenswert und fühle mich prinzipiell unwichtig.Probleme einfach schleifen lassen, bis irgendetwas passiert.Frauen sind stärker, man sollte sich nach außen hin anpassen.

Das Übertragungs-Introjekt-Schema als Gestaltbild mit beseelbaren Objekten

Vorbemerkung

Strukturanleitungen oder Therapiebeispiele finden sich zu diesem SPIM-Setting in Vogt (2004, 2007, 2009, 2013a sowie in diesem Band). Nachdem die kognitive Regulationsprägung durch die Hauptbezugspersonen des Klienten stabil benannt und in der Selbstbeobachtung verifiziert werden konnten, war es nunmehr sinnvoll und wichtig, die innerpsychische Anteileregulation beseelter ins Gefühl zu bringen. Es ging darum, die dissoziativen Wahrnehmungs- und Dialoggrenzen konkret zu erspüren. Dabei ist das Setting des Ü-I-Schemas oft eine gute erlebnisnahe Gestaltungshilfe.

Im ersten Teil des Settings werden die Objekte durch den Klienten ausgewählt, beseelt und in eine symbolische Aufbaudarstellung gebracht. Im zweiten Teil dieses Settings wird dann ein therapeutisch geführter Dialog zwischen Täteranteilen, Opfer- und Normalanteilen geschaffen. Dabei werden Wahrnehmungs- und Annäherungsangebote gemacht, um dissoziative Ausgrenzungen bewusst zu verdeutlichen.

Teil I – Der Aufbau der beseelten Symbole

Stand ca. 25. Stunde

Abbildung 12. Beseeltes Ü-I-Gestaltschema von Herrn Q.

Legende gemäß der Reflexionen von Herrn Q.

  1. Als beseeltes Übertragungsobjekt für die Mutter-Täterin wurde der rote Riesenklotz ausgewählt, weil dieser für den Patienten die Allmacht, Gewalt und Unberechenbarkeit der Mutter am deutlichsten abbildete.
  2. Als beseeltes Übertragungsobjekt für den Vater suchte sich der Patient den großen schwarzen Riesensack aus dem Therapieinventar aus, weil dieser seiner Ansicht nach die Schlaffheit, Feigheit und Unzuverlässigkeit des Vaters gut repräsentierte.
  3. Das zerstörerische Mutterintrojekt, welches innerpsychisch auf das schwarze Schäfchen (Nr. 5) einwirkte, beschrieb der Patient in der selbst erlebten Wirkung mit Worten wie: „Du bist nichts als Dreck!“; „Du Missgeburt!“ und Ähnliches.
  4. Das entwertende und nihilistische Vaterintrojekt, welches den Angsthasenübertragungszustand (Nr. 6) tagtäglich erzeugte, lebte im Inneren des Patienten durch Pauschalaussagen wie: „Du bist allen egal!“; „Du kannst weggefegt werden!“
  5. Der innerpsychische Mutterübertragungszustand setzte sich bei Herrn Q. aus seinen Markierungen: ängstlich, unruhig und schuldbewusst-bedroht zusammen und wurde mit einem schwarzen Stofftierschäfchen symbolisiert.
  6. Das beseelte Übertragungsobjekt Hase als Symbolisierung der Vaterübertragung umfasste dagegen die Begriffe: minderwertig, angepasst, ängstlich-flüchtend.
  7. Beim gesunden Kindanteil, welcher trotz der frühkindlichen Gewalt und emotionalen Vernachlässigung überlebt hatte und ein Teil des fragmentierten Wachstums der Restpersönlichkeit war, beschrieb Herr Q. einen lebensfrohen, neugierigen und quirligen Jungen, für den er das Tiersymbol des „Zauseltigers“ auswählte. Dieser Zauseltiger ist im Repertoire des therapeutischen Stofftierregals ein zweideutiges Objekt, dass einerseits „zauselige Vernachlässigung“ und andererseits tigerhafte Stärke dokumentiert.
  8. Den restgesunden Erwachsenen von heute umschrieb der Klient als kontaktfreudig, begeisterungsfähig, ausdauernd und tüchtig. Dieser Anteil sorgte für regelmäßige Therapiefortschritte und eine zähe Behandlungsmotivation trotz aller Rückschläge. Für diesen kampferprobten Anteil griff Herr Q. zum großen Stofftierlöwen, auf dem auch Erwachsene sitzen können, weil er statisch so belastbar ist.

Gesamtinterpretation der Übertragungs-Introjekt-Gestaltarbeit

Herr Q. konnte im Gesamtüberblick der aufgebauten beseelten Therapiesymbole in Bezug auf seine Herkunft, Genese und Struktur beeindruckt erkennen, dass sich der psychodynamische Hauptkampf in seinem Inneren zwischen Introjekt- und Übertragungsanteilen abspielt. Er war berührt, dass er mit teilweise relativ kindlichen Mitteln seine Grundproblematik wie auf einem Schachbrett sehen konnte, wo die eingeprägten Züge nahezu feststehen. Die alte Macht der Elternfiguren hatte ihn bei der intuitiven Auswahl der Riesenobjekte noch einmal überrascht, weil er oft schon geglaubt hatte, dass diese Macht lange vorbei wäre. Didaktisch wusste Herr Q. auch, dass die gesunden Anteile noch nicht so stark wie im Anschauungsbild waren; motivational fand er deren Präsenz aber zielführend.

Therapiephase – II: Vorrangig Traumaexposition

Vorbemerkung

Zu den Psychotraumaexpositionssettings nach SPIM-30 zählen alle Interventionsstrukturen, in welchen den Patienten assoziative Zugänge zu ihren traumatischen Erinnerungsspeichern eröffnet werden. Das spontane Auftreten von Flashbacks und Intrusionen in der ersten Therapiephase wird allgemein gestoppt und stattdessen zielgerichtet eine Restabilisierung und Reorientierung herbeigeführt; das diagnostische Innehalten bei Spontanregressionen ist also relativ kurz (siehe Beispiel oben). Hauptziel der psychotraumatologischen Arbeit in der Therapiephase I war es, die effektive Selbstregulation sowie die mentale Durchdringung der neurophysiologischen und psychodynamischen Störungsdeterminanten zu erlernen.

In der Therapiephase II geht es um die psychophysiologische Entflechtung der traumatischen Dissoziation in den Ursprungsszenen, um die Integration und Synthese der körperlichen und mentalen Reaktionen und darum diese mit der Gegenwart zu parallelisieren. Im Zustand des dissoziativen Traumagedächtnisses befindet sich der Mensch im Störungserleben und -verhalten noch in der Traumaszene. Im teildissoziativen Zustand des Gegenwartsgedächtnisses ist der Mensch, aufgrund seiner Furcht vor Labilisierungen, nicht voll an der Reintegration aller traumatischen Erinnerungen und Anteile interessiert. Er vermeidet deshalb die notwendige und hinreichende Synthese der zersplitterten Anteile. Im SPIM-30 Modell kommen deshalb vielfältige Methoden zur parallelisierenden Psychotraumarekonstruktion und -integration zum Einsatz.

Was individuell eine notwendige und hinreichende Rekonstruktionsarbeit darstellt, ist für jeden Patienten durchaus verschieden. Auch auf welchem Kanal diese Informationen besonders gespeichert und effektiv abrufbar sind, ist individuell unterschiedlich. Auf jeden Fall sind Psychotraumata immer auch körperlich und emotional gebunden und deshalb gehören diese Speicherdimensionen im SPIM-30 Modell auch in die Settingplanung, was sowohl die Stabilisierungs- als auch die Expositionsarbeit angeht.

Mitunter setzen wir affektive Statementsettings mit beseelbaren Objekten auch vor oder nach reinen Expositionssettings ein. Entweder um die Alltagsmanageranteile besonders bei dissoziativen Patienten für die bevorstehende Expositionsarbeit zu stärken oder um die Klienten nach der Traumaexposition in Richtung Alltagsmanager wieder zu stabilisieren. Das war auch bei Herrn Q. der Fall (siehe unten).

Im SPIM-30 Modell kommen während der Expositionsphase Modifikationen einer Screentechnik, einer liegend-imaginativen Assoziationsbearbeitungsstruktur (Hochauf, 2007), dem eigens kreierten LMDR (Vogt, 2012) sowie mehrere Varianten des KSHP (Vogt, 2007, 2012) zum Einsatz. Bei Herrn Q. war es zunächst sehr wichtig, Statementsettings gegenüber den beiden äußeren Elternfiguren durchzuführen. Kognitiv produzierte er zwar viele Fantasiereden gegen die Taten der Eltern, affektiv regredierte er aber immer wieder dissoziativ, sobald er mit ihnen auch nur telefonierte. Ganz abgesehen von den Rückzügen in seinen Kindanteil, wenn er ihnen persönlich gegenüberstand.

Statementsettings als Expositionsvorbereitung

Abbildung 14. Statementsettings im SPIM-30 Modell (Einfache Statementstruktur)

Bei der einfachen Monologstruktur im Affektstärkungssetting lernte Herr Q. zunächst mühsam, dass er seine Furcht vor der imaginierten Rache der Mutter aktiv bewältigen kann. Der Patient hatte in der Psychoedukation bereits rational begriffen, dass er als Kleinkind brutal unter seiner cholerischen und dissoziativ-brüchigen Mutter gelitten hatte und seine phobischen Vermeidungshaltungen auf die frühkindlichen Traumatisierungen zurückzuführen waren. Die Expositionsarbeit konnte er aber wegen des zeitweiligen Primats der physiologisch fixierten Ängste und Hyperarousalzustände nicht beginnen. Er lenkte mich dabei meist mit 100 Fragen und Storys zum Alltagserleben ab. Dabei wurde alles immer als hoch brisant vorgetragen, um die Expositionsarbeit zu verschieben.

Die ersten Settings zur Aggressionsstärkung plante ich mit dem Klienten deshalb mit dem Setting kooperativer Aggressionsergänzung (vgl. SPIM-30 Manual, Vogt, 2013). In dieser Settingvariante traktierte ich anfangs mit ihm zusammen das Ausdrucksobjekt mit den Füßen, während wir gemeinsam in Richtung des beseelten Objekts schauten, wobei sich der Sack durch unsere Tritte in Richtung des Täterobjektes schob. Dann schlugen wir zusammen mit Batacas auf den Sack, wieder mit Blickrichtung zum beseelten Objekt.

In einer Folgestunde war die positive Übertragung des Klienten zu mir derart gewachsen, dass er eigenständig ein Statement in Richtung Täterobjekt vortragen und Aggressionshandlungen mit Keule und Füßen vornehmen konnte. Dabei ereignete sich plötzlich ein traumatisch regressiver Flashback. Der Patient switchte während seines aggressiven Statements und kippte plötzlich in einen Täterintrojektzustand. Er brüllte den Sack mit seinem eigenen Vornamen an und schlug auf den „sogenannten Nichtsnutz Kind“ los! Nach einem kurzen Moment konnte ich sein Täterintrojektverhalten stoppen und den Patienten gut in Raum und Zeit reorientieren. Nach diesem Zurückschalten stellte sich sofort als gegenteiliger Zustand der Opferkindanteil ein und der Patient fühlte die früheren Schläge durch das Echo der aktuellen Schläge des Täterintrojekts in Form von Körperintrusionen an seinem Körper.

Diese schnellen Statewechsel sind für dissoziative Patienten typisch. Da ich den mir gut vertrauten Patienten im Kindanteil schnell wieder parallelisieren konnte, fragte ich in der spontanen Teilexposition, was er im Kindanteil noch so wiedererlebe. Herr Q. konzentrierte sich auf die inneren Bilder und beschrieb, dass er am Boden liege, ca. 5 Jahre alt sei, blute und die Mutter mit dem Handfeger, wie wahnsinnig auf ihn eindresche … Im ohnmächtigen Moment des dissoziativen Zusammenbruchs (Abschaltpunkt, vgl. Hochauf, 2007) fliegt er quasi in die Wahrnehmungsperspektive der Mutter. Plötzlich sieht er sich mit dem Arm der Mutter auf sich selbst eindreschen und wünscht „sich“ dabei den Tod des Kindobjekts!

Diese Traumasequenz entspricht der Implantatbildungsgenese im SPIM-30 Modell (vgl. Vogt, 2007, 2012), da auf dem Höhepunkt der Gewalt die Ich-Grenze für die Täterperspektive geöffnet wird und die unwillkürliche Aggressionsimplantation eintritt. Für Herrn Q. war dieser Spontanvorfall sehr beeindruckend, weil er erstmals einen subjektiven, individuellen Beweis für die Gewaltübernahme live erlebt und parallel bewusst registriert hatte, wie diese Gewaltübernahme mit der kindlichen Ohnmacht und Kapitulation des Kindes vor der hasserfüllten Mutter einherging. Nach diesen Statementsettings gingen wir zum Setting des Echostatements über (vgl. Abb. 15).

Abbildung 15. Statementsettings im SPIM-30 Modell (Fortgeschrittene Statementstruktur mit Echoeffekt)

Durch das Echostatementsetting (vgl. Vogt, 2013) konnten die Introjektstimmen der Mutter sehr spontan mit einbezogen und mit meiner Hilfe oder durch den Alltagsmanageranteil von Herrn Q. selbst bearbeitet werden, bevor dissoziative Regressionen oder Switche ihn lähmen konnten. Endlich war bei Herrn Q. die Traumaexpositionskapazität erreicht.

Expositionssettings mit LMDR, Fußbodenmatte und mit KSHP-Settings

Anhand seiner positiven Erfahrungen in der Affektbewältigung und aufgrund der erfolgreichen Rückführung aus Traumaflashbacks und -intrusionen traute sich Herr Q. auch bald die aktive Planung von Psychotraumaexpositionsstunden zu. Bei überblicksartiger Kenntnis der SPIM-30 Settingangebote (vgl. Vogt, 2007, 2012 und in diesem Band) entschied er sich zunächst für das LMDR, weil er hier selbstbestimmt laufen konnte, was eine seiner eigenständig genutzten Stabilisierungsmethoden war.

Mit dieser Assoziationsmethode erinnerte der Patient besonders die Gewaltszenen mit der Mutter zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr mit dem Schweregrad 6 bis 8 nach seiner persönlichen Traumalandkarte. Mit dem liegenden Assoziationsarbeiten konnten dann zentrale todesnahe Traumagewalterfahrungen zwischen Schweregrad 9 und 10 auf der Landkarte durchgearbeitet werden. Das Liegen auf dem Boden war bei den z. T. unberechenbar auftretenden kurzen Flashbackzuständen und der zunehmenden Körperpanik sehr günstig für die psychophysische Spannungsbewältigung, weil es dabei zu einer psychovegetativen Panik mit Schwindeldrehanfällen, Körperzittern und Angstschreien des Kleinstkindes kam. Viele Szenen des hohen Schweregrades hatten sich zwischen dem Säuglings- und dem Schulalter abgespielt.

Ein größer werdender Teil von Traumaerinnerungen war zuvor gar nicht auf der rational reflektierten Traumalandkarte genannt worden, weil die Szenen bis zu diesem Zeitpunkt dissoziativ geschützt geblieben waren. Sie traten nur bei aktiver Evokation von psychophysiologischen Erlebenspotenzialen fragmentiert wieder auf. Hier zahlte sich aus, dass der Klient zuvor gute Fortschritte bei der Affektregulation in den oben beschrieben Struktursettings gemacht hatte und die leichtergradigen Traumaszenen bereits erfolgreich in Statementsettings parallelisiert worden waren. Der Patient konnte nämlich zu dieser Zeit auch erinnern, dass er einen Teil dieser Panikzustände vor Jahren schon einmal bei Körpertherapieworkshops, die er sich eigenständig am Wochenende gebucht hatte, erlebt hatte. Damals war er jedoch nicht in der Lage, diese Körpersymptome zuzuordnen und so hatte er die Zustände unter großer Furcht wieder gedeckelt, weil er glaubte, von den überschwemmenden Affekten wahnsinnig zu werden. Ohne die in der Therapie erarbeitete Reflexion hatte er diese Kräfte für die bösen Urgewalten des Psychischen gehalten und vor sich selbst und seinen Traumakindstates sowie Täterintrojektimpulsen Angst bekommen.

In Settings mit der KSHP-Methodik konnte Herr Q. in einer weiteren Abfolge von Expositionsarbeiten ganze Familienszenen rekonstruieren und auch die Beziehungstraumata zum schwer versagenden Vater herausfischen. Der Vorteil im KSHP war jetzt, dass er dissoziative Sprünge besser nachgestalten konnte und Psychotraumaszenen sowohl in der Beobachter-, Opfer- und Täterrolle durcharbeiten und vergleichend nachgestalten konnte. Das schärfte seinen erwachsener werdenden Blick für die Störungsgenese in der Herkunftsfamilie.

Herr Q. konnte nun auch die irrationale Logik der Täterbindung des Kindes an seine Tätereltern besser begreifen. Er hatte gerade wegen der schlechten Bindung, mit emotional brutaler Übergriffigkeit und schwerer Vernachlässigung, keine Chance gehabt sich zu lösen. Das emotional schwer geschädigte Kind konnte sich kein Leben mehr ohne seine Aggressoren und frustrierenden Sehnsuchtsobjekte vorstellen, weil es keine Realität außerhalb des Traumas mehr gab. Die KSHP-Settings halfen diese vielschichtige Weltsicht in erlebnisnahe Szenen umzusetzen und aus der Beobachterposition erstmals auch ein wirkliches Außen zu sehen. Die psychoimaginativ produzierten Rollenwechsel, bei denen er die Position seiner Eltern atmosphärisch empathisch miterfasste, schockierten ihn, weil er in den Gewaltszenen deren seelische Gleichgültigkeit seinem jungen Leben gegenüber nachempfand. In der Ursprungsszene als Kleinkind hatte er daran nie auch nur einen Augenblick zu denken gewagt, weil das seine psychische Existenz lebensbedrohlich infrage gestellt hätte.

Statementsettings als Expositionsnachbereitung

Die Struktur der fortgeschrittenen Statementgestaltung als Nachgang zu umfangreichen Psychotraumaexpositionssettings findet sich im Abschnitt oben (vgl. Abb. 14 und 15).

Bereits in Vogt (2007, S. 83 – 91) wurde beschrieben, dass nach dem Überwinden von Opferohnmacht und mentaler Überblicksblockade recht häufig starke täterbezogene Affekte von Revanche, Rache oder mörderischer Wut auftreten und im Rahmen des Therapieraumes bewältigt werden müssen. Psychodynamisch ist das plötzliche Empfinden von Opferempörung und das gewisse Aufgeben der fixierten Täterbindung häufig ein großer Behandlungsfortschritt, weil ein neues Wachstum der geschundenen Persönlichkeit einsetzt. Andererseits sind überschießende Affekte ebenfalls ein Handicap und reale Straftaten oder andere Affektentgleisungen an den evtl. noch existierenden Tätern sind keine zu fördernde Lösung. Ebenso wenig sind unüberlegte Gerichtsprozesse ein Beitrag mit Realitätsbezug. Für bürgerlich angemessene Antworten braucht es stabile, kluge und zielorientierte Klientenpersönlichkeiten und oft auch ein solidarisches soziales Umfeld. Ein solidarisches soziales Netzwerk muss unter Umständen erst einmal durch eine Gruppentherapieerfahrung auf den Weg gebracht werden. Hier können unter anderem auch moralisch-rehabilitative Gerichtsprozesse inszeniert werden, die helfen, eine psychische Genugtuung zu verschaffen. Herr Q. hatte jedenfalls nach schweren Traumabearbeitungsstunden oft eine riesige Vergeltungswut, die er als Kind wegen der realen Lebensgefahr im Alltag mit seiner Mutter nie ausleben konnte.

Hier war das oben beschriebene Setting zur Affektregulation eine stetige Hilfe in der Emotionsbewältigung. Mit Sack und Keule konnte er dann minutenweise seine unbändige mörderische Wut zeigen und auch herausschreien, wenn der Affekt da war (vgl. Echostatementsetting Abb. 14 und 15). Dabei lernte er aber auch sich Augenblicke später auf den Stuhl zu setzen und seine Vorwürfe klar und bürgerlich gefasst in erwachsenen Sätzen zu formulieren, die ihm juristisch nicht sofort eine primitive Anzeige einbrocken würden. Im Gegenzug gab es dann auf der Echoseite bösartige Gegenstimmen der Täterintrojektanteile in beleidigender, ignoranter oder diffus drohender Form. Herr Q. musste sich hier tapfer wehren und diese Stimmen in die Schranken weisen. In der Anteile-Inselarbeit (vgl. Vogt, 2012, 2013 und in diesem Band) mussten wir oft die verbohrtesten Täteranteile aus ihren dissoziativen Blockadezuständen holen, damit die Echostatements nicht zu Dauerhasstriaden wurden. Auch innere Anteilekonferenzen zu Hause halfen Herrn Q. die Echostimmen zum allmählichen Umlernen zu bewegen.

Dieses Lernniveau musste natürlich durch mich als therapeutischen positiven Übertragungsvater sowohl durch Ausdrucksermunterungen als auch durch Formulierungshilfen unterstützt und korrigiert werden. Herr Q. beschrieb, seine besten Statements seien die mit ca. 60 % Affektstärke, weil dann Inhalt und Form als Einheit wirkten und er Menschen überzeugen konnte.

Gesamtinterpretation

Die Psychotraumaexpositionstechniken des SPIM-30 Modells ermöglichten dem Patienten ein phasenadäquates und individuelles Bearbeiten seiner in dieser Zeit bewussten und noch unbewussten Traumafragmente im Körper-Seele-Speicher. Das Stärken auf der Affektebene und der Einsatz beseelter Externalisierungssettings erleichterten Herrn Q. das Auffinden und Bewusstmachen der traumatischen Informationssplitter. Die enttraumatisierende Parallelisierungsarbeit konnte durch die Kombination von körper- und seelisch-mentaler Assoziationsarbeit gut bewerkstelligt werden.

KSHP-Settings waren dabei auch zur Überwindung der dissoziativen Perspektiveinengungen sehr nützlich und ermöglichten durch ganzheitliche Bewegungssequenzen die Ausweitung des Assoziationsraumes. Auch das Bearbeiten der komplizierten Täterbindung konnte durch die flexiblen und erlebnisorientierten Settings stufenweise erleichtert werden. Je unabhängiger Herr Q. von seinen primären Schädigerintrojektionen wurde, desto mehr Psychotraumamaterial förderte er zutage.

Therapeutisches Blitzlicht

In der Zeit der Traumaexpositionsarbeit zeigte der Patient im äußeren Leben große Schwankungen. Nach der Bearbeitung besonders heftiger Traumaszenen musste er sich auch mal krankschreiben lassen, weil er total ausgebrannt und schwach war. Seine Konstitution erholte sich aber relativ schnell und Bestrebungen die Therapie abzubrechen gab es vonseiten des Alltagsmanageranteils im Grunde nie. Ein Bearbeiten von Täterintrojektstimmen in Form innerer Mutter- oder Vaterkommentare fand aber nahezu fortlaufend statt. Besonders nachts plagten Herrn Q. die inneren Gegenstimmen der Introjektanteile, die die aufdeckende psychotherapeutische Arbeit immer wieder verdrehten und in den Schmutz zogen.

Das Führen eines strukturierten Tagebuchs und das Abhalten innerer Konferenzen waren unerlässliche Selbsthilfeinterventionen. Meine psychotherapeutische Verfügbarkeit musste in dieser Zeit etwas extensiviert werden, weil Krisen- und Zusatzstunden spontan nach Bedarf eingebaut werden mussten. Das Traumamaterial sprudelte einfach los und löste psychosomatische Symptome wie Herzprobleme mit Stechen und Rhythmusstörungen oder Schlaf- und Verdauungsstörungen aus. Die Zusatzstunden halfen Tabletten- oder Alkoholmissbrauchsgedanken zu vertreiben. Zur besseren Aufrechterhaltung der väterlich-therapeutischen Bindung gab ich dem Patienten in dieser Zeit auch persönlich gesammelte Steine, Muscheln oder Therapiestofftiere zur Ausleihe mit, damit sich die imaginierte Stärke der Übergangobjekte auf ihn übertragen konnte. Erfreulich war, dass die Aggressionen und Liebesschwankungen zur Freundin und deren Kind weiter abgenommen hatten. Der Patient konnte mehr und mehr die eigenen Traumaursachen überschauen und erkannte die destruktiven Täterstimmen in den Beziehungskonflikten atmosphärisch wieder.

Herr Q. entschloss sich jetzt auch parallel die verbindliche Langzeittherapie- und Selbsthilfegruppe (NVM) in Angriff zu nehmen (vgl. Vogt, 2007 und in diesem Band) und konnte sich dort gut über den Therapiekontext mit anderen gleichgesinnten Menschen austauschen. Diese Gruppeninitiative trug auch viel zur psychischen und sozialen Stabilisierung von Herrn Q. bei, weil die Klienten sich gegenseitig Tipps gaben und kleine Highlights im Lebensalltag verschafften.

Mit den äußeren Elternfiguren nahm der Patient Briefkontakt auf und er lernte langsam, den Eltern seine veränderten Sichtweisen mitzuteilen. Zu einem gleichwertigen Briefaustausch kam es allerdings nicht, da die Eltern nicht den Ansatz einer Kritik hören wollten. Für sie bestand kein Grund mehr in der „alten Scheiße zu wühlen“ und „komische Gespräche“ zu führen. Jeder solle selbst sein Leben in die Hand nehmen und nicht mit dem Finger auf andere zeigen usw.

Das fruchtlose Schreiben der Briefe riss die kindliche Seele des Patienten zunächst wieder in die depressive Tiefe. Therapieeinzelgespräche und vor allem die Gruppengespräche beruhigten ihn aber wieder, weil er sein Schicksal mit anderen teilen konnte. An Geburtstagen der Eltern und den üblichen Festtagen stürzte er aber doch noch gelegentlich ab, weil sich das innere Sehnsuchtskind und das Opferbindungskind in der Innenregulation quer stellten. Der erwachsene Alltagsmanager hatte alle Hände voll zu tun, die positiven Erlebnisse in der Psychotherapie nicht wieder gegen unspezifische Versprechungen der Eltern einzutauschen. Versprechungen, mit denen sie den Jungen in der Vergangenheit schon hundertfach gebunden und enttäuscht hatten.

Interessant war, dass der Patient in dieser neuen Nähephase zu mir auch alte Tricks, die er mir gegenüber begangen hatte, aufdeckte. So bekannte er, dass er die Hälfte der Wegstrecke zur Gruppentherapie heimlich, trotz des Gebots zum Unfallschutz die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen, mit dem Fahrrad gefahren war, um es mir unerkannt „heimzuzahlen“ und seine Autonomie zu beweisen. Rechnungseinzahlungen hatte er absichtlich mit den falschen Kontonummern versehen, sodass er mich mit den Einzahlungsbelegen verwirren und „in Schach halten konnte“. Außerdem habe er einmal absichtlich ein stinkendes Objekt im Mülleimer unserer Patiententoilette deponiert, damit wir „auch mal einen Denkzettel kriegen sollten“ und noch andere kleine Bösartigkeiten von Täterintrojektanteilen seiner Innenwelt. Herr Q. konnte das jetzt entschuldigend und anekdotenhaft, etwas beschämt mitteilen. Wichtig war die Deutung, dass er sich zur Tatzeit der eigenen Täterintrojekte und Übertragungsracheimpulse noch nicht richtig bewusst war und so seine Widerstände ausagieren musste. Nachdem die wichtigsten Traumaszenen durchgearbeitet waren, war dieses gestörte Spaltungsverhalten entschärft und die Impulskontrolle nicht mehr so arg dissoziativ, wie zuvor.

Therapiephase – III: Vorrangig Integration und Differenzierung

Vorbemerkung

Es soll an dieser Stelle an das Schema der Therapiephasen in Vogt (2007, S. 113) erinnert werden, aus welchen hervorgeht, dass der Übergang der Therapiephasen fließend und überlappend ist und Aspekte aus allen Phasen jederzeit nach Bedarf und Indikation stattfinden können. Deshalb kann an dieser Stelle nur der Akzent zum Ausdruck gebracht werden, dass die 3. Therapiephase bei Herrn Q. mehr oder weniger bereits ab der 80. Stunde stattfand, da sich in der Rückschau der Behandlungsprotokolle herausstellte, dass der Fokus der Stundeninhalte letztlich mehr Differenzierungs- und Integrationsinhalte aufwies als Elemente der Therapiephasen 1 und 2. Das bedeutet mit anderen Worten auch, dass der DDNOS-Patient verhältnismäßig viel Zeit für die Interpretation, Einordnung und Umsetzung der gewonnenen Einsichten und erlebten emotionalen Erfahrungen benötigte, sodass diese Phase ca. bis zur 150. Therapiestunde andauerte. Diesen Sachverhalt habe ich im Laufe meiner Therapeutenjahre gelernt, als einen indirekten Diagnosebeleg zu werten: DDNOS-Patienten erleben fast ständig emotionale Turbulenzen; sie können sie aber ohne professionelle Hilfe nicht eigenständig einordnen. Eine normale Logik funktioniert hier nicht. Aus A folgt nicht B, sondern F oder Z oder gar nichts ohne Fragezeichen.

Das Denken und Fühlen muss erst neu trainiert werden und so habe ich als Psychotherapeut gelernt mit dissoziativen Traumapatienten noch langsamer und rückversichernder zu arbeiten, wenn es um die Bedeutungen von Emotionen und Handlungen geht, als ich es jemals für nötig gehalten hätte. Hierin zeigt sich auch wieder der Entwicklungsrückstand des traumatisch geschädigten Kindes; bildlich gesprochen ist lediglich die Hülle des äußeren Menschen älter geworden. Dieses deutliche Nebeneinander von gestörten und zum Teil normalen Anteilen muss immer wieder feinfühlig untersucht und therapeutisch ausgeglichen werden. Die professionellen Flexibilitätsanforderungen an eine mütterliche Nachgiebigkeit, väterliche Strukturstärke sowie pubertäre Kampfbereitschaft sind beträchtlich.

Anteile- und Inselsettings

Ca. 90. Stunde

Herr Q. benötigte auch in der III. Therapiephase seiner Traumatherapie eine Vielzahl von integrativen Anteilearbeiten. Seine große Dissoziativität aus der Anfangszeit hatte sich zwar gelegt – jetzt gab es dafür mehr kleine, zähe und unerwartete Rückfälle gerade, nachdem eine Reihe von Erfolgen in der Behandlung eingetreten waren. Ein Teil der Rückfälle betrafen immer wieder das Kind der Freundin im täglichen Zusammenleben und -wohnen. Mutter- und Vaterintrojekte sowie Großelternintrojekte lehnten alles fremde Blut generell ab. Todeswünsche gegenüber dem Kind und Gewaltfantasien waren häufige emotionale Tagesbegleiter bei Herrn Q. In seinen inneren Konferenzen erwies sich der Alltagsmanager häufig als zu schwach gegenüber dem Dauerfeuer der Introjekte. Der Text der Introjektanteile war zwar recht monoton und dumm (althergebrachter Kneipenjargon und Proletengefasel ohne Niveau), die Introjektzustände erwiesen sich dabei aber als zäh und ausdauernd. Dies besonders zur Nachtzeit, wenn Herr Q. im Bett grübelte und aufgrund der mentalen Quälattacken nicht durchschlafen konnte.

In seinen Dialogversuchen beging der Patient in der Struktur des Alltagsmanagers immer wieder den Fehler, dass er auf die scheinlogischen Totschlagargumente der Introjektstimmen hörte und versuchte, diesen intellektuell zu begegnen. Er konnte diese psychodynamischen Anteile, quasi wie früher der Junge bei seinen Eltern und Großeltern, einfach nicht rigoros vor den Kopf stoßen. Den Eltern den niederen Zweck ihrer dummen Argumentation vor Augen zu führen oder emotional zu einem ebenbürtig pauschalen Gegenschlag auszuholen, war seinerzeit nicht möglich. Natürlich hatte der Junge damals die rationale und emotionale Distanz des heutigen therapieerfahrenen Mannes noch nicht einnehmen können.

Die Rückfälle zu Hause machten uns aber klar, dass er seine Regressionsgefahr zu Hause noch deutlich unterschätzte und den Alltagsmanager offenkundig mit dem Kindanteil verwechselte. Diese punktuelle Abwesenheit des Alltagsmanagers (AM) stellte sich auch deshalb ein, weil der Traumakindanteil in Kombination mit einem trotzigen Helferkindanteil, genau so wie früher meinte, letztlich für alles selbst zuständig zu sein. Die Frühreife dieses trotzigen Helferkindanteils bedeutete ein Machtproblem für den AM (vgl. Skizze Anteilepyramide Abb. 17 und 18, gemäß Handout Nr. 12 im SPIM-30 Manual, Vogt, 2013a).

Abbildung 17. Anteile von Herrn Q. im mittleren Tagesverlauf

Legende gemäß der Reflexionen von Herrn Q.

AM – Alltagsmanageranteil

TK – Traumakindanteil

THK – Trotziger Helfer Kindanteil – nicht in Funktion

Z – Zerstörer = Mutterimplantatanteil

SRS – Schlaffer Riesensack = Vaterintrojektanteil

Abbildung 18. Anteile von Herrn Q. im Verlaufe der Nacht

Legende gemäß der Reflexionen von Herrn Q.

AM – Alltagsmanageranteil – nicht in Funktion

TK – Traumakindanteil

THK – trotziger Helferkindanteil

Z – Zerstörer = Mutterimplantatanteil

SRS – Schlaffer Riesensack = Vaterintrojektanteil

Die Darstellungen verbildlichen, dass beim scheinbaren Wegfall der Außenwelt auch der heutige Realitätsbezug wieder kleiner wurde und das alte Kräftemodell der Innenanteile aus der Versenkung auferstand. Dieser Sachverhalt konnte durch das externalisierende Inselsetting (vgl. SPIM-30 Manual, Vogt, 2013) diagnostisch eindrucksvoll erkannt und mehrmals korrigierend bearbeitet werden. Der Alltagsmanageranteil musste schmerzlich lernen, dass er seine therapeutische Wachsamkeit auch während der Schlafperioden nicht völlig aus der Hand geben durfte. Außerdem war für den Konferenzstil des AM entscheidend, dass er darauf achtete, die Täterimplantate und -introjekte immer wieder aus der schweren Rückfalldissoziation herauszuholen, bevor er langwierig und unfruchtbar mit Logik zu argumentieren versuchte. Dieser therapeutisch reflektierte, erwachsene Haupthelfer (AM) durfte sich nicht wieder in alte dissoziative Feindschaften unter den verschiedenen Anteilen verwickeln lassen, so wie es damals in der Herkunftsfamilie von Herrn Q. bei den äußeren Personen der Eltern gewesen war. Mit vielen Inselarbeiten gelang es uns schließlich die Kompetenzen des AM so zielführend zu stärken, dass das nächtliche Chaostheater der Anteile friedfertig abgesetzt werden konnte und bestenfalls als Gastspiel lief.

Therapeutisches Blitzlicht zur dritten Therapiephase

In der dritten Therapiephase traf Herr Q. viele weitreichende und reife Lebensentscheidungen. Er entschied sich beispielsweise, den Sohn der Freundin mit allen Konsequenzen zu adoptieren und in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, in welcher jedes Familienmitglied einen eigenen Rückzugsraum mit Tür zum Flur hatte. Diese Entscheidung implizierte, dass er zuvor der Freundin ihr Weggehen und schnelles schwanger werden vergeben konnte. Die Entscheidung für einen seriösen Lebensstil bewirkte auch, dass Herr Q. luftige Geldgeschäfte mit seinem Finanzberater aufgab und sein Geld in einen Bausparvertrag investierte, damit die Familie sich später eventuell eine Eigentumswohnung kaufen könnte. Herr Q. verzichtete außerdem auf riskante Wandertouren allein und organisierte stattdessen gemeinsame Ausflüge mit der Familie ohne besondere Action oder Männerwandertouren im Gebirge mit nur mittlerem Schweregrad.

All diese Entscheidungen und Modifikationen zeigten, dass Herr Q. wichtige frühkindliche Traumata überwunden und den lebensqualitätseinschränkenden Sinn der negativen traumatischen Prägungen verarbeitet hatte.

Resümee

Herr Q. litt zu Beginn der Psychotherapie unter einer bis dato unerkannten komplexen, dissoziativen Traumafolgestörung mit einer Vielzahl von traumakompensatorischen Verhaltensweisen, wie Suchtstrukturen und psychiatrischen Symptomkonstellationen. Durch die Psychoedukationsarbeit konnte der Patient schließlich erkennen, dass er unter einer relativ stark ausgeformten dissoziativen Störung litt (DDNOS).

In Bezug auf die Ursachen waren es bei Herrn Q. die Gewalterlebnisse mit seiner Mutter, die eine herausragende Stellung für die dissoziativen, borderlinigen Entwicklungsstörungen einnahmen. In vielen Traumaexpositionssettings konnte eindrucksvoll und mit großer emotionaler Beteiligung von Herrn Q. bestätigt werden, dass die brutalen Schläge und sadistischen Strafen der Mutter besonders fatale Auswirkungen auf den delinquenten Lebensweg von Herrn Q. gehabt hatten.

Zum Ende seiner Psychotherapie zeigten die Integrations- und Differenzierungssettings, dass sich bei ihm ein spätes nachträgliches Persönlichkeitswachstum vollzog. Durch die neuen Erfahrungen in einer strukturierten Gruppe von ähnlich Betroffenen, lernte Herr Q. viele gesunde soziale Verhaltensweisen kennen und nachholen. Mithilfe dieser Gemeinschaftserfahrungen traf er außerdem viele reife Entwicklungsentscheidungen für sein Leben und lernte sie konstruktiv umzusetzen.

Die Diagnose zum Abschluss seiner Behandlung würde ich als „posttraumatische Entwicklungsstörung mit dissoziativen Elementen“ charakterisieren. Herr Q. hat sich selbst und vielen anderen Menschen in seiner Lebensumwelt gezeigt, dass ein Mensch, trotz katastrophaler Ausgangsbedingungen in der frühen Kindheit mit vielen sozialen Fehlentwicklungen, auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch eine deutliche und hoffnungsvolle Korrektur dieser Störungen vornehmen kann.